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Katalogtext 1

Synthese von Form und Material
Dr. Gudrun Szczepanek

„Die Bildhauerei ist eine unendliche Entdeckung“  Henry Moore

Holz und Stahl sind die Werkstoffe, die Katja v. Lübtow seit Beginn ihres bildhauerischen Schaffens in ihren Bann ziehen. Beide sind grundverschieden in ihren Arbeitsbedingungen und bieten ihr dennoch den nötigen Widerstand, den sie in der Auseinandersetzung mit dem Material braucht. Charakter und Ausdruck scheinen auf den ersten Blick kaum miteinander vergleichbar zu sein, und doch treten beide Werkgruppen hinsichtlich ihrer formalen Entwicklung in einen interessanten Dialog.
Form und Gestalt dieser unterschiedlichen Materialien wurden in den frühen Skulpturen der Bildhauerin durch die menschliche Figur und deren raumgreifende Bewegungen, außerdem durch die Begegnung mit afrikanischen Kultfiguren und Tanzmasken, inspiriert. Neben dem Ausdruck innerer Strukturen geht es bei diesen abstrakten Kompositionen zugleich um die Gewichtung der einzelnen Teile zueinander und zum Ganzen, um das Spiel der Kräfte miteinander. Dieses zeigt sich schon auf den ersten Blick in den reduzierten Standflächen, die hinsichtlich der weit ausschwingenden Formen eine exakte Ponderation voraussetzen. Naturgemäß unterscheiden sich dabei die Verbindungen der zusammengefügten, ungegenständlichen Einzelteile je nach Werkstoff. Während sie bei den Eisenskulpturen durch die vielfach überarbeiteten Schweißnähte und die spätere gleichmäßige Schwärzung mehr oder weniger verschmelzen, bleiben die Nahtstellen in den Holzskulpturen offensichtlich. Wie beim Baukastenprinzip lagern die einzelnen Hölzer über- und ineinander, werden verzahnt und verzapft. Das Gesamtgefüge ergibt sich hier wie dort durch dreidimensionales Arbeiten, wobei die Kompositionen formalen, ungegenständlichen Bedingungen, einer inneren Logik, folgen.
Natur und Beschaffenheit von Holz erlauben ein Arbeiten in großen Dimensionen, denn ganze Baumstämme geben das Material für die freistehenden Skulpturen. Durch die Bearbeitung mit breiten Eisen oder Stechbeitel wird die Form behutsam aus dem Holz geschält. So entstehen weiche Oberflächen, die mit den scharf geschnittenen Konturen und Kerben der Kettensäge kontrastieren. Es scheint ein Glücksfall, wenn sie am Ort ihrer späteren Aufstellung entstehen können wie die Arbeit „Cancion por el Teide“ (S. 28/29) aus kanarischer Kiefer im Skulpturenpark San Isidro auf Teneriffa aus dem Jahr 2005. Das System von Stützen, geschichteten Stämmen und Balken schafft einen Ausblick in die weite Landschaft, während aus anderem Blickwinkel die Konturen der Skulptur mit der natürlichen Formation der Berge im Hintergrund korrespondieren. Hier wird erstmals in einem Werk der Künstlerin die Landschaft zur wichtigen Inspirationsquelle.
Die zweiteilige Arbeit „erdverbunden“ (S. 34/35) aus Eichenholz, die 2006 für den Skulpturenweg Donauried entstand, markiert eine formale Weiterentwicklung der Holzarbeiten. Die Klein- und Vielteiligkeit wird zugunsten einer gefestigten und beruhigten Komposition aufgegeben, und zugleich finden Form und Material als Eigenwert zusammen. Eine Stele aus zwei vertikal ineinander geschienten Stämmen symbolisiert ein leichtes, spielerisches Aufwärtsstreben, das sein Pendant in der Natur, im Wachsen der benachbarten Bäume, findet. Die zweite Skulptur thematisiert in einem kompakten und dennoch sensiblen Gerüst das Lagern und gegenseitige Stützen der schweren Stämme. Erst beim Umschreiten der Skulptur ist das komplizierte Gesamtgefüge zu erkennen, dem die formale Gestaltung eines jeden Balkens und Holzklotzes untergeordnet ist. Diesen großen Skulpturen gehen kleine Holzmodelle voraus, an denen die Gesamtkonstruktion, das Gleichgewicht und die formale Erscheinung aus jeder Perspektive erprobt wird. Ein Vergleich zwischen diesen Modellen und den vollendeten Skulpturen zeigt, dass Katja v. Lübtow in der Gesamtkomposition zwar dem Modell folgt, im Detail jedoch flexibel bleibt und auf die jeweiligen Bedingungen des Materials reagiert.
Die frühen Stahlskulpturen der Bildhauerin verraten, weitaus mehr als die Holzkonstruktionen, ihre künstlerischen Wurzeln, ihre Ausbildung bei Tim Scott an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Hier war bereits die Auseinandersetzung mit der menschlichen Figur maßgebend, das Nachspüren von Bewegungen durch das Begreifen innerer Strukturen. Raumgreifend und kraftvoll erscheinen sie in den vielgliedrigen Stahlskulpturen umgesetzt, deren Kompositionen sich vom filigranen „Raumspiel“ zunehmend zu einem „Kräftespiel“ zwischen offenen und geschlossenen Formen, zwischen Ruhe und Fluss entwickeln. Als einzige der klassischen Kunstgattungen ermöglicht die Skulptur das Umschreiten und eröffnet somit eine unendliche Bewegung der Formen und Umrisse. Parallel zu den Stahlskulpturen der ersten Werkphase suchte die Künstlerin diese Ansichten und Zusammenhänge in abstrakten, spontan skizzierten Tuschezeichnungen zu ergründen. Sie spiegeln das intensive Studium von geballter Ruhe und weit ausholender Geste wider.
Vielmehr noch als die Zeichnungen vermitteln die Stahlskulpturen Bewegung, doch wird diese nun zunehmend gebündelt und konzentriert. Zeitgleich mit den Holzskulpturen gewinnen auch die Kompositionen in Stahl hinsichtlich Aufbau und Umriss an Klarheit. Bei der Figur „gefächert“ (S. 40) von 2005 schwingen sich geschmiedete Eisenplatten in gegenläufigem Rhythmus über einer vergleichsweise kleinen Standfläche aus übereinander gelagerten Stahlelementen empor. Trotz ihrer ausladenden Gestalt erscheint die Figur im Vergleich zu den früheren Arbeiten beruhigt, sie erreicht dabei eine neue Monumentalität. Auch die Skulpturen der Werkreihe „In Balance“ von 2005/2006 orientieren sich vertikal und greifen je nach Ansicht unterschiedlich weit in den Raum. Mitunter kulminieren die Bewegungen in dünn geschmiedeten Stahlbügeln, die kompositorisch einzelne Glieder der Skulptur miteinander verklammern. Im Rückblick betrachtet markieren diese Stahlarbeiten den Übergang von den frühen Skulpturen zu den heutigen Werken.Im Jahr 2006 findet Katja v. Lübtow zu einer neuen Werkphase, die den programmatischen Titel „gesammelt“ trägt. Sie hat sich „gesammelt“ und gibt, bestätigt durch die persönliche Begegnung mit der Stahlbildhauerin Helga Föhl, die Vielteiligkeit ihrer Skulpturen zugunsten einer zusammenfassenden Klarheit der Komposition auf. Die Gesamtform wirkt nun geschlossener und konzentriert sich auf die beim Umschreiten sichtbar werdenden Binnenräume, Durchbrüche, Außen- und Innenflächen sowie die Umrissformen. Wegweisend für die neuen Arbeiten wurde auch die intensive Auseinandersetzung mit dem Werk von Eduardo Chillida. Der baskische Bildhauer machte, wie kaum ein anderer, das Verhältnis zwischen Außen- und Innenraum zum Thema seiner ungegenständlichen Stahlarbeiten. Es scheint diese Konzentration auf das Innere einer Skulptur zu sein, der auch Katja v. Lübtow mit den jüngsten Kompositionen nachspürt.
Dabei geht sie mit ihren geschmiedeten, organisch wirkenden Stahlskulpturen einen eigenen Weg. Die monumental lagernden Formationen berühren nur an wenigen Punkten den Boden, wodurch ein spannendes Verhältnis zwischen Lasten und Schweben entsteht. Die Beziehung zwischen Außen- und Innenformen erscheint nicht statisch, sondern durch die Wechselwirkung von Verbindung und Verbundenem flexibel und bewegt. Wurden bei den früheren Skulpturen Körperstrukturen zur Inspirationsquelle, so sind es jetzt Landschaftsformationen, wie die kraftvolle Ausstrahlung der Berge oder Schichtungen, Verschiebungen und Durchbrüche von Felsen, deren Kraftpotenzial zu den freien Stahlarbeiten anregt. Unterschiedliche Flächen, mitunter auch auf dem Schrottplatz gefundene Stahlteile, werden in weichen Konturen miteinander verschweißt, um sich an anderen Stellen in spröden Rissen wieder voneinander zu trennen. Die einheitliche Schwärzung verbindet die individuell geformten Stahlteile und weckt zugleich Assoziationen an Schiefer, Basalt oder Granit. Anstelle der früheren vertikal und diagonal ausladenden Figurationen treten nun horizontal ausbalancierte Landschaftskörper, deren bewegte Oberflächen das Licht reflektieren und dabei Farbnuancen und Reliefstrukturen lebendig werden lassen.
Auch bei diesen Skulpturen wird der Entstehungsprozess durch Tuscheskizzen begleitet, mit denen die Bildhauerin Bewegungen nachspürt, Masseschwerpunkte klärt und Silhouetten festhält. Die Konzentration auf das Wesentliche der Form spiegelt sich bereits im Papierformat wider, denn kaum eine Figur wirkt strenger und kompakter als das Quadrat. Die frei gezeichneten Strukturen erscheinen im Vergleich zu den früheren Zeichnungen gefestigt, und das Gefüge wird mitunter so dicht, dass es sich fast zu einem monochromen Bild zusammenschließt. Die Qualität der über- und nebeneinander geschichteten Tuscheflächen, Lasuren und spröden Linien entspricht dem Charakter der stählernen Oberflächen der Skulpturen. So reflektiert die freie Handschrift der Skizzen den Entstehungsprozess und das Wesen der Stahlarbeiten.  
In der Geschichte der Skulptur spielt die Landschaft im Vergleich zur menschlichen Figur eine untergeordnete Rolle. Während die Malerei der Romantik die wilde, ungebändigte Natur als Spiegelbild der menschlichen Seele erkannte, gelangte die nicht kultivierte Landschaft erstmals im 20. Jahrhundert ins Blickfeld der Bildhauerei. Sie mutierte zur Kulisse und zum Gestaltungsmaterial für Land-Art-Künstler. Erstaunlicherweise wurde auch die Stahlskulptur als künstlerisches Medium erst im frühen 20. Jahrhundert entdeckt. Bis dahin war das Schweißen und Schmieden von Eisen vor allem dem Handwerker oder Kunsthandwerker vorbehalten. In den 50er Jahren kam die Stahlskulptur mit ihrem ganzen Potenzial an technischen Möglichkeiten zur vollen Entfaltung. Kein Material bietet einen größeren Widerstand, und doch lässt es sich unter der Kraft des Feuers erweichen und formen. Als elementarster Schaffensprozess hat das Schmiedehandwerk Eingang in zahlreiche Mythen und Sprichwörter gefunden. Alle vier Elemente sind an dem Arbeitsprozess beteiligt: Aus der Erde gewonnenes Eisenerz, zu Schmiedestahl legiert, wird unter der Macht des mit Luft angefachten Feuers gelbglühend und kann bei einer Temperatur von rund 1100–1300 °C mit dem Schmiedehammer beliebig geformt werden. Dafür bleiben nur wenige Minuten, denn schon wird der Stahl rotglühend und spröde. Wasser, als viertes Element, lässt das Material schließlich aushärten, so dass es weiterbearbeitet werden kann.
Katja v. Lübtow schafft mit ihren Stahlskulpturen eine überzeugende Synthese zwischen Form und Material. Keine andere Technik ermöglicht eine derartige Vielfalt an Bewegung bei gleichzeitiger Härte und Starrheit des Werkstoffs. Kraft und Ausdruck von Landschaft finden gerade in dem Medium des geschmiedeten Stahls mit seiner enormen Spannkraft und Geschmeidigkeit eine adäquate künstlerische Formulierung. Ihre Holz- und Stahlskulpturen wollen nicht abbilden, sondern den Blick öffnen für Materialien, Strukturen, Masse und Rhythmus der Bewegung. Sie sprechen über das Verhältnis von Innen und Außen, über die Balance widersprüchlicher Zustände und über das Spiel von Licht und Schatten. Im Vordergrund ihrer Arbeiten steht die visuelle und haptische Erfahrbarkeit unserer Welt.