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Katalogtext 2

Öffnen und Schließen
Eduard Ohm

„Ich stelle mir die Frage nach der richtigen Balance“, sagt Katja v. Lübtow auch über ihre Arbeiten und sucht die Antworten fernab einer Sprache der einfachen Wahrheiten, wie sie anderswo in archetypischen Formvorgaben: Haus, Boot, Schale oder Figur zum Vorschein kommen. 
Den formal strengen Skulpturen der Künstlerin fehlt jede illusionistische Attitüde. Sie stellen sich einer vertrauten oder gewohnten Wirklichkeitsauffassung in den Weg. Flächen öffnen sich, wölben sich, bilden Wülste, überschneiden sich mit allen möglichen Einschnitten und Auskehlungen. Doch auch wenn sich der Betrachter an visuelle Eindrücke geodynamischer Prozesse erinnert fühlt, an Landschaftsformationen mit ihren Durchbrüchen, Schichtungen und Verschiebungen, kann man in den Skulpturen von Katja v. Lübtow mehr als eine Befragung von Strukturqualitäten von Natur sehen.
Titel wie „gefächert“, „In Balance“, „getragen“, „gehalten“ oder „gesammelt“ verweisen auch auf verschiedene Aggregatzustände des Lebens, auf existenzielle Bereiche. Immerhin definiert die Bildhauerin die Ausgewogenheit zwischen „den Raum umschließen“ und „sich dem Raum öffnen“ als  ein  zentrales Anliegen ihrer Arbeiten und blendet damit den Schnürboden unserer Innenwelt ein. Der Philosoph Nietzsche, ein Meisterformulierer von Wahrheiten, mit denen man nicht leben kann, die zu ignorieren jedoch der intellektuellen Redlichkeit zuwider wäre, hat einst artikuliert, was die Welt dem Menschen, der sich ihr öffnet, ist:  „Ein Tor zu tausend Wüsten, leer und kalt ...“ Durch die aufgerissenen Fenster dringt Frost.
Könnten die Skulpturen, die sich bisweilen wie ein Gefäß beinah wieder schließen,  nicht so etwas wie die tröstliche Imagination sein, von etwas Wärmendem umhüllt zu sein, Schutz zu finden? Sind sie vielleicht die symbolische Repräsentation jener Raumgrenzen-Erfahrung, die wir als Mensch in der Geborgenheit eines Gehäuses erfahren? Öffnen und schließen: der Weg durch die Wüste und die Heimkehr.
So gesehen sind Katja v. Lübtows Skulpturen einprägsame Positionszeichen auf einem Gebiet, in dessen Kräften und Spannungsfeldern sich der Mensch zu deuten versucht.